Fotografien vom Licht geführt
{Dirk Brall im Gespräch mit Donata Wenders}
Sie fotografieren vor allem Menschen. Was inspiriert Sie an ihnen?
Ich hatte mal ein Schlüsselerlebnis, als ich 14 war. Ich habe einen Fotokurs gemacht, den ich von meiner Mutter geschenkt bekommen habe. Auf einem Foto von mir habe ich mich das erste Mal anders gesehen, ich war vollkommen erstaunt. Ich hab zum ersten Mal gemerkt, dass ich etwas ausstrahle. Davor habe ich sehr viel Schlechtes über mich gedacht. Wenn ich heute fotografiere, schwingt dieses Erlebnis noch immer mit, ich möchte der Person ein Bild schenken, damit sie sieht, wie liebenswert sie ist. Es gibt eigentlich keinen Menschen, den ich fotografiere, und nicht danach liebenswert finde.
Was löst Ihr Bild bei einem Menschen aus?
Es ist mein Blick, der versucht dem anderen zuzuhören oder den anderen zu sehen, wie bei einem wirklichen Gespräch. Ich glaube, dass wenig Feindschaft entsteht, wenn man dem anderen zuhört und begreift, aus welchem Hintergrund der andere kommt. Dann entsteht Respekt und Offenheit zwischen zwei Menschen.
Weil es Demut braucht, um zu sagen: Das ist der Raum, den ich dir lasse?
Ja, und deswegen ist es ein Gespräch. Es kommt immer darauf an, was der andere mir gibt, und ob ich gerade offen dafür bin oder nicht. Mit der Frage von Paul Gerhardt formuliert: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich dir?” Das frage ich Gott - und auch die Menschen.
Was für einen Weg nimmt bei Ihnen ein Bild?
Ich brauche Zeit. Wenn ich die Kontaktbögen, die ersten kleinen Abzüge der Negative, sehe, muss ich sie erst mal weg legen. Erst mit etwas Abstand schaue ich die Bilder durch und kreuze die an, die ich gut finde. Dann kommt der Prozess, ein Bild abzuziehen. Das ist manchmal schön und manchmal schmerzhaft, denn hin und wieder ist ein Bild doch nicht so, stark, wie ich es gerne hätte, und dann sage ich: Okay, das Bild muss ich wieder vergessen. Und dann ist eines wieder schöner, als ich dachte. Ein Kontaktbogen ist ein Spiegel. Ich vergleiche ihn damit, dass alles, was wir liebevoll tun, bleibt und einen Ewigkeitswert hat. Und alles, was wir lieblos tun, das wird weg sein, weil es wertlos ist. So ist es mit den Bildern auch.
Machen Sie viele Bilder von einem Motiv?
Es gibt Fotografen, die machen ein, zwei Bilder und sind dann fertig. Ich bin nicht so. Ich bin ein sehr weiblicher Fotograf. Ich mache viele Bilder, wie ein Maler, der viele Skizzen macht oder wie wenn jemand, der viel redet, um den Weg zum Gedanken zu finden. Bei mir entstehen die Gedanken beim Sprechen, im Gegensatz zu meinem Mann (lacht). Er denkt erst, und dann spricht er. Ich bin auch von meinem Charakter her nie vorsichtig gewesen, ich mach erst mal und sehe dann, was passiert. Das kann auch gefährlich sein oder einen auf der Nase landen lassen, aber für mich gehört es dazu (lacht).
Sie haben als Kamerafrau begonnen. Hat das Auswirkungen auf Ihr Fotografieren?
Ich habe nie ein Stativ dabei und folge eher den Gesten und den Zeichnungen, die durch Licht und Schatten entstehen. Dabei bin ich beweglich. Sagen wir mal so, ich lasse mich vom Licht führen.
Wie gehen Sie an das Fotografieren heran?
Fotografieren ist für mich wie ein Gebet, wenn ich ehrlich bin. Wenn ich den Ehrgeiz habe, ein gutes Bild zu machen, habe ich schon verloren. Das, was ich wirklich suche, finde ich dann nicht. Die Bilder sind vielleicht ganz hübsch, aber sie berühren mich nicht. Was für mich über ein hübsches Bild hinausgeht, finde ich nur, wenn ich offen bin und eben wieder zu höre. Genauer gesagt ist ein Bild, das in meine Auswahl kommt, immer ein Geschenk. Beim Fotografieren brauche ich Zeit. Ich bin ja jemand, der vor allem beobachtend fotografiert und nicht inszeniert und so verbringe ich mit den Personen, die ich fotografiere, Stunden oder sogar Tage.
Wissen Sie im Moment des Fotografierens, ob das Bild sich geschenkt hat?
Oft weiß ich es nicht genau, sondern ahne es nur. Ich habe mich in dem Moment so vergessen, dass ich dann nicht darüber reflektieren kann. Ich bewerte den Augenblick nicht, es ist eben wie bei einem Gespräch: Man weiß gar nicht mehr, was man gesagt hat, aber es hat gefunkt oder es ist was Neues entstanden.
Ich habe gelesen, dass König David ihre Lieblingsfigur in der Bibel ist. Was fasziniert Sie an ihm?
Eigentlich ist es Christus. Aber von den Menschen, die im Glauben stehen, ist es König David. Sein Kampf, seine Freude - alles lebt er in Bezug zu Gott. Gott ist für ihn nicht weit weg, sondern der beste Freund, der Meister, Lehrer, Bruder; Gott ist alles für ihn. Das ist mir sehr nahe.
David lässt sich in den Psalmtexten in sein Herz schauen. In Ihren Bildern kann man etwas Psalmenhaftes entdecken – die Innenwelt eines Menschen, obwohl man etwas Äußerliches sieht.
Die Psalmen drücken eine große Sehnsucht aus. In meinen Bildern habe ich selbst erst hinterher gemerkt, dass sich da ein roter Faden durchzieht: Die Sehnsucht, dass ich bei Gott Antwort, Liebe und Frieden finde. Die Suche nach Identität ist ganz zentral in meinen Bildern: Woher komme ich, wohin gehe ich? Und das hat David auch gemacht. Meine Bilder sind Fenster, die sich in ganz kleinen Momenten, in einem Innenraum des Herzens öffnen. Ich habe neulich gedacht, als ich eine Ausstellung für ein Kloster vorbereitete, dass die Bilder wie kleine Räume von Menschen im Alltag sind, Klosterräume sozusagen, in die sie sich zurückziehen und ganz bei Gott sein können. Deshalb heißt mein Fotoband „Islands of Silence“ und meine letzte Ausstellung in Hamburg „Kleine Ewigkeiten“
Mitten in der Welt geht auch mein fotografischer Weg weiter, also mitten in der Welt Momente finden, wo ich doch nicht ohne Gott bin. Es geht darum, Gott in alles mit hineinzunehmen, und darum, wie ich eigentlich Gott höre und sehe. Wie ich ihn im Alltag finde und mich von ihm führen lasse. Am Anfang gab es bei mir eher Sehnsucht nach dieser Stille. Das war ein Thema, vielleicht auch weil Wim und ich soviel unterwegs sind. Die Suche nach einer Insel mittendrin. Und jetzt ist es das Finden und das Leben. Meine Fotografie wird sich bestimmt verändern, so wie ich mich verändere.
Gibt es Geschichten zu Ihren Bildern?
Zum Beispiel ein kleiner Junge im Auto irgendwo mitten in Montana, er guckt mich durch die Scheibe lange an. Ich bin sicher, wenn diese Fensterscheibe offen gewesen wäre, hätte er mich nicht weiter so angesehen. Aber das war seine Sicherheitszone. Obwohl ich ihn fotografiert habe, hat er nicht weggeschaut, kein „Fotogesicht“ gemacht. Da habe ich begriffen, dass nur ein Mensch, der sich sicher fühlt, sein kann, wer er ist. Dadurch ging für mich eine ganze Welt auf. Jemand, der sich sicher fühlt, und somit auch keine Angst hat, kann ganz viel geben, weil er den Raum hat, sich zu öffnen. Wenn man eine bestimmte Respektzone bewahrt, kann sich auch ein Wildfremder öffnen.
Spielt die Kleidung, die Menschen auf Ihren Fotos tragen, eine Rolle?
Ich finde, es wird ein wahnsinniger Wirbel um Mode gemacht, auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite wird Mode und die Wirkung der Kleidung unterschätzt. Kleidung kann uns formen und kann uns sogar diese Sicherheitszone geben, von der ich eben schon sprach. Sie kann uns auch daran erinnern, die zu sein, die wir gerne sein wollen. Wir haben ja eine große Freiheit heute, und die könnten wir mehr nutzen. Wenig Leute setzen sich konkret damit auseinander: Welches Kleid trage ich? Welche Farben, welche Formen passen zu mir und leiten mich dazu an, mir selbst treu zu bleiben?
Ihre Fotos entstehen unterwegs. Was ist das Besondere daran?
Wenn man reist, muss man sich immer neu definieren. Man ist unsicher. Wo kommt man hin? Man ist verwundbarer als sonst und begibt sich ganz bewusst in ein Abenteuer. Diesen Zustand finde ich gut – nicht nur wenn ich auf Reisen bin. Ich habe einen Psalm, der mich begleitet, Psalm 139: „Herr du erforschest mich und du kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es. Du siehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.“
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Danke auch für das Gespräch!
Donata Wenders ist Fotografin und mit dem Filmemacher Wim Wenders verheiratet. Sie lebt in Berlin, Los Angeles, Flugzeugen, Zügen und Hotels. www.donatawenders.com
{Das Gespräch führte Dirk Brall. Es wurde veröffentlicht in der “dran” Nr.4/08}

